Interview mit Gerald Praschl

Sie sind Journalist. Wann hat Ihr Interesse an dem Bereich begonnen?

Konnte sich nichts anderes vorstellen als Journalist zu werden, von morgens bis abends rausfinden können was los ist; erzählt den Leuten gerne Geschichten

Sie sind Mitglied der Chefredaktion – (Politik der Zeitschrift SUPERillu) einer für Ostdeutschland bedeutenden Zeitschrift. Es gibt jeden Tag unzählige Nachrichten, sodass entschieden werden muss, welche davon in die Medien kommen. Könnten Sie erklären wie die Auswahl an Themen funktioniert. Im Oktober 1990 wurde in Deutschland beispielsweise fast ausschließlich über die Wiedervereinigung berichtet, doch nichts über die Revolution auf Granit.

«Journalisten sind auch Menschen», es passieren auch Fehler, schlechtester Journalist macht eine Zeitung für sich selbst, Problem von Zeitschriften für Jugendliche – Erwachsene machen sie für eine andere Generation); nur das liefern, was man wirklich wissen muss. Leute sind sehr fixiert auf ihre eigenen Probleme und die in ihrer Nähe; Osteuropa ist nach 1990 aus der Wahrnehmung der Menschen in Deutschland weitdesgehend verschwunden außer im Kontext mit Problemen; Bemühungen seinerseits dies zu verhindern

Ihre berufliche Tätigkeit ist eng mit politischen Themen verbunden. Haben Sie jemals daran gedacht selbst in die Politik zu gehen?

Würde es sich nicht antun wollen, setzt sich durch seine Arbeit als Journalist auch einer Wahl aus. Jede Woche stellt er sich zur Wahl nämlich in einem Zeitungskiosk: seine Zeitschrift braucht zwei oder drei Tausend Leser, die sie kaufen, ihn sozusagen wählen; insgesamt ist das System erträglich, wer sein Leben der Politik verschreibt ist irgendwann finanziell auf sein Mandat angewiesen und von den Wählern abhängig

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Staatssicherheit? Und was haben Menschen in ihrem Umfeld erlebt?

Nicht nur Geheimdienst auch Geheimpolizei, „gigantischer Apparat“, nicht nur eine Behörde, sondern der Kern des Machtapparats, Methoden der Stasi veränderten sich über die Jahre sehr, politisch Andersdenkende unauffällig zersetzen, Personen psychisch zu vernichten und wahnsinnig zu machen (Familie, Ehe und Freundschaften zerstören), Gerüchte über Mitgliedschaft Andersdenkender bei der Stasi streuen; Davon erfuhr man erst, als 1990 die ganzen Akten der Staatssicherheit öffentlich geworden sind; zwei Apparate, KGB und Stasi, arbeiteten eng zusammen, in den Akten wurden Kooperationsverträge gefunden

Erinnern Sie sich an den Tag als die Mauer fiel? Was taten Sie?

Mit dem Auto unterwegs von Berlin nach Bayern (gerade in Leipzig in der DDR), als er die Grenze passierte, passierten auch gerade die ersten Ostdeutschen, in Westberlin fast direkt neben der Mauer gelebt; Herr Praschl erinnert sich daran, dass alle Leuten unglaublich interessiert aneinander waren (Atmosphäre wie bei einem Familienfest)

Hatten Sie die Befürchtung, dass die Demonstrationen noch vor dem Mauerfall gewaltsam beendet hätten werden können?

Erst sehr viel später aufgefallen wie mutig die Menschen waren, niemand konnte das Ende vorhersehen; damals war Herr Praschl selbst ein Außenstehender, da er ein Westler war; es gab bestimmte Zeitpunkte, wie heute in Belarus, alles wechselt von einer Stunde auf die andere; es gab mehrere Wendepunkte, an denen klar wurde, dass es eine erfolgreiche und friedliche Revolution realistisch ist, stille Helden, Menschen aus dem Machtapparat, die zum gewissen Zeitpunkt aufgegeben haben (Stasi Chef hat beispielsweise nicht eingegriffen, hätte es aber machen können, da er am Abend des Mauerfalls im November 1989 in seinem Büro saß und noch an der Macht war)

Was hätte Ihrer Meinung nach bei der Wiedervereinigung besser ablaufen können?

Es gab zuvor keine Wiedervereinigung; niemand wusste genau, wie man es machen soll (es gab keine Vorlage); beispielsweise Umgang mit Privateigentum, einige Fehler, Ostdeutsche nicht mit dem nötigen Kapital in den Kapitalismus geschickt; ehemalige Länder der Sowjetunion hatten allen ihren Bewohnern ihre Wohnungen geschenkt; bis heute gibt es hohe Vermögenskluft zwischen ost- und westdeutschen Haushalten; Ostdeutsche fühlen sich als der ärmere Teil Deutschlands; viele Firmen haben nicht überlebt (man hätte sie den Betriebsleitern zum Kauf anbieten können); man konnte die Bevölkerung nicht Zuhause halten, zwischen dem Mauerfall und der Wiedervereinigung sind mehr als eine Million junge Menschen aus Ostdeutschland in den Westen geflohen; Privatisieren und Modernisieren, Betriebe wurden sterben gelassen; Deutschland trägt Verantwortung für die beiden Katastrophen des 20; Jahrhunderts: den Kommunismus und den Nationalsozialismus (aus beidem bei der Wiedervereinigung gut herausgekommen), Lage in anderen zentral- und osteuropäischen Ländern ist schwieriger

Was können Sie dazu sagen, dass im Dezember 1989 laut einer Spiegel/ ZDF Umfrage nur 27 Prozent der Deutschen für eine Wiedervereinigung waren?

In den 80er Jahren wurden Leute, die von Wiedervereinigung sprachen, belächelt oder als Nazi abgetan; ihm selbst war ein geteiltes Deutschland teilweise egal (damit aufgewachsen); in einer längeren Diskussion von einem türkischen Gastarbeiter darauf hingewiesen, dass die Menschen in beiden deutschen Staaten ein Volk sind, geteiltes Deutschland muss ein Land sein; die meisten Westdeutschen haben Wiedervereinigung kritisiert, für Leute ohne Verwandte war die DDR ein fremdes Land ohne Interesse daran

Es gibt viele Meinungen, dass sich Ostdeutsche unverstanden fühlen. Was ist Ihre Meinung dazu?

In anderen osteuropäischen Ländern werden Russen zu sehr für kommunistische Katastrophe verantwortlich gemacht, Ostdeutschen sind im Gegenteil verliebt in die ehemaligen sowjetischen Besatzer («das ostdeutsche Stockholm-Syndrom»); für einige Ostdeutsche fühlte sich alles, was mit der Wiedervereinigung kam, wie eine feindliche Übernahme Westdeutschlands an; die Wiedervereinigung hatte Elemente einer feindlicher Übernahme, obwohl es eine freundliche, eine brüder- oder schwesterliche Übernahme war; man ist miteinander verwandt; wie in der Familie gibt es einen „großen reichen Bruder und einen kleinen armen Bruder“; bis heute ist Ostdeutschland in Umfragen russlandfreundlicher und eher gegen die NATO

Wie sehen Sie die aktuelle Situation in Belarus im Hinblick auf Ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der Vergangenheit?

Große Freude; Hoffnung, dass es friedlich wird, Überraschung gegenüber der belarussischen Bevölkerung; Herr Praschl hätte nicht gedacht, dass es so viele mutige Menschen gibt; ist positiv beeindruckt, dass die Arbeiter in Staatsbetrieben in den Generalstreik gegen die Regierung treten, obwohl sie viel zu verlieren haben; wünscht sich kein Eingreifen der Russen